Verl-Boss Raimund Bertels: „Auch Traditionsklubs müssen sportlich aufsteigen, nicht am grünen Tisch“

In den vergangenen Tagen war viel zu hören aus der Regionalliga. Die „großen“ Traditionsklubs wie RW Essen oder Kickers Offenbach und RW Oberhausen meldeten Ansprüche an, sprachen über Geisterspiele und Aufstiege. Etwas weiter in Ostwestfalen verfolgte man die Debatten mit Gelassenheit. Der Sportclub Verl ist nämlich im Westen der erste Aufstiegsanwärter.

Mit 53 Punkten liegt der SC Verl zwei Punkte vor RW Essen, hat sogar zwei Spiele weniger. Wenn also irgendwer Ansprüche stellen sollte und könnte, dann doch wohl eher der Klub von der Poststraße. Aber, wie gesagt: Dort verfolgt man die Debatte eher aus der Distanz. „Ich nehme das ganz locker“, formuliert Klubchef Raimund Bertels das im Gespräch mit dem Regionalliga-Magazin. Dass Essen und Co. das Fass „Traditionsklubs versus Dorfklubs“ aufgemacht haben, ist für Bertels verständlich. „Aber wir sehen das natürlich völlig anders. Jeder Klub muss für sich einschätzen, welche Möglichkeiten er hat.“

Es geht dabei gewissermaßen um die Selbstbestimmung, um das Recht auf den eigenen Erfolg. Etwas provokant formuliert: Was kann denn der SC Verl dafür, dass RW Essen oder Alemannia Aachen oder RW Oberhausen sportlich nicht in der Lage sind, den Aufstieg zu sichern? „Die müssen eben so gut arbeiten, dass sie sportlich aufsteigen und nicht etwa am Grünen Tisch“, so Bertels.

Zahlen und Fakten zur Verler Saison

Der SCV-Vorsitzende nimmt aber die Anspruchshaltung aus einigen Klubs niemandem übel. Gerade mit RWE-Boss Marcus Uhlig versteht er sich gut und viele der Argumente des Esseners kann Bertels nachvollziehen. Und teilt sie. „Verl könnte auch ohne Zuschauer spielen. Essen und Aachen eher nicht. Diese großen Klubs hätten damit mehr zu kämpfen als wir.“

Das ist dann der Vorteil eines eher kleinen, dörflichen Klubs. „Wir stehen unseren Sponsoren und Geldgebern vielleicht etwas näher“, so Bertels. Natürlich bekommt der SC Verl da auch nichts geschenkt. Zumal auch für die Unternehmen in Ostwestfalen viele Fragezeichen im Raum stehen. „Aber wir sind gut aufgestellt und haben bisher auch ein positives Feedback bekommen.“

„Jeder Klub muss für sich einschätzen, welche Möglichkeiten er hat. Die Traditionsklubs müssen halt so gut arbeiten, dass sie sportlich aufsteigen und nicht am Grünen Tisch“

Raimund Bertels

Heißt: Verl wäre wirtschaftlich in der Lage, auch eine kleine Durststrecke zu überstehen. Zumal die Sponsorenleistungen für diese Saison bereits geflossen sind. Das Spieljahr ist einigermaßen durchfinanziert.

Das gilt natürlich nur unter der Voraussetzung, dass es irgendwann weitergeht. Wie alle anderen auch kann Raimund Bertels nur zuschauen, wie sich die Lage entwickelt. Fragen hat er durchaus. „Ich weiß nicht, wie weit die Saison nach hinten geschoben werden könnte. Wir würden es bevorzugen, irgendwann weiterzuspielen. Aber wir sind auch Realisten. Ist es wirklich bald möglich, mit elf gegen elf zu spielen?“

Dass der DFB jetzt sogar durch seine Änderung der Statuten die Möglichkeit eröffnet, die gesamte kommende Saison 2020/2021 abzusagen, ist für Bertels „schwer vorstellbar“.

Am Ende nur abwarten

Gerüchte und Gedankenspiele gibt es derzeit viele. Es ist viel zu hören in den Klubs, was angeblich, theoretisch, praktisch schon angedacht wird. Bertels nimmt an diesen Spekulationen nicht teil, findet sie eher „amüsant“. „Es gibt so viele Szenarien, aber wir können am Ende doch nur abwarten.“

„Ich bin sicher, dass wir bis Jahresende ohne Zuschauer spielen“

Raimund Bertels

Grundsätzlich rechnet Bertels damit, dass in der Regionalliga zu irgendeinem Zeitpunkt in diesem Kalenderjahr wieder Fußball gespielt wird. „Daraus ziehe ich Optimismus.“ Aber seine subjektive Einschätzung ist, dass es wohl auf absehbare Zeit keine Spiele mehr mit Zuschauern geben werde. Vielleicht sogar bis zum Jahresende. „Da muss dann jeder Klub schauen, wie er damit klar kommt.“ Bertels spricht über Solidarität. Über zusätzliche Leistungen aus TV-Übertragungen oder Streaming-Angeboten. Und „vielleicht kann man aus den TV-Töpfen der 1. und 2. Liga auch die Regionalliga unterstützen“? Das ist eine berechtigte Idee, aber die Antwort der Profiklubs auf solche Ansinnen kann sich jeder selbst geben.

Sportlich kann der SC Verl seine starke Saison vorerst nicht vorantreiben. Es geht derzeit nur darum, Spieler und Trainer irgendwie bei Laune zu halten. Die Regionalliga hat beschlossen, den Spielbetrieb „bis auf Weiteres“ auszusetzen. Mit einem Vorlauf von 14 Tagen soll dann entschieden werden, wann es weitergeht. Für Bertels zwar irgendwie verständlich, aber eine unglückliche Situation. „Niemand ist geschult, wie man mit so einer Lage umgeht. Das wird schwer für Spieler und Trainer.“ Vielleicht müsse man irgendwann auch Sportwissenschaftler hinzuziehen. Denn eines sei doch klar: „Wir müssen auch an die Spieler denken.“ Mit einer so kurzen Vorbereitungszeit nach wochenlanger Pause stiege auch die Verletzungsgefahr. „Da muss man schon Angst haben, dass am Ende die Hälfte der Spieler muskuläre Verletzungen davonträgt.“

Was macht die Pause mit den Teams?

Noch ein anderes Thema schwingt mit. Wie gehen die Teams mit der Pause um? Geht der Schwung der Top-Teams verloren? Schöpfen Kellerkinder neue Hoffnung? Bertels glaubt schon, dass sich die Leistungsdichte nach der Corona-Zeit etwas angleichen wird. „Wenn es wieder losgeht, werden vielleicht auch die schwächeren Teams mal punkten. Die Unterschiede werden sich wohl etwas verringern.“

Aus Sicht des SC Verl wäre das vielleicht bitter. Denn die so starke Saison soll, wenn es eben geht, natürlich mit einem Aufstieg gekrönt werden. „Rödinghausen hat keine Zulassung beantragt, wir sind Zweiter und arbeiten daran, alle Auflagen zu erfüllen.“ Wenn am Ende der Arbeit der Erfolg durch äußere Umstände beeinflusst wird, wäre das nicht schön. Aber so ist das in diesen Zeiten.

Die Gedankenspiele über eine Aufstockung der 3. Liga oder gar eine Aufteilung kann Bertels angesichts der Unsicherheit verstehen. Auch er hält eine 3. Liga mit 22 Teams oder zwei Staffeln für denkbar. Dass Verl aber höflich beiseite tritt und den Aufstieg den größeren und zuschauerträchtigeren Klubs überlässt? Das wird wohl nicht passieren. Der Sportclub steht in ständigem Kontakt mit dem DFB – und von dort müssen die Entscheidungen und Vorgaben kommen.

Bei allen Überlegungen weist Bertels ohnehin auf das eigentliche Thema hin. „Der Fußball steht derzeit etwas hintenan. Gesundheit geht vor.“

Sportclub-Arena

Seit Sommer 2016 spielt der SC Verl in seiner völlig umgebauten und vollüberdachten Sportclub-Arena. In der laufenden Saison kommt der SCV auf einen Zuschauerschnitt von knapp 1.100. Das ist Platz 9 im Liga-Vergleich. Spitzenreiter Essen liegt mit knapp 11.000 Fans auf Platz 1.

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