FC Memmingen veröffentlicht internes Schreiben zu Corona-Maßnahmen

Eine offene Stellungnahme des FC Memmingen, wie sich die Corona-Krise auf den Verein auswirken kann und welche Maßnahmen getroffen werden, das wirtschaftliche Überleben zu sichern, ist auf große Resonanz gestoßen. Verantwortliche anderer Vereine haben sich gemeldet, die sich über die genauen Maßnahmen erkundigt haben und dem Beispiel mit ähnlichen Entscheidungen folgen wollen. Auch das überregionale mediale Interesse ist groß. Das Kicker-Sportmagazin fragt beispielsweise konkret bei anderen Vereinen nach: „Geht jemand noch so offen und detailliert mit den wirtschaftlichen Zahlen um wie der FC Memmingen?“

Der FCM hat sich aufgrund vieler Nachfragen anderer Klubs und von Medien entschlossen, neben der Pressemitteilung auch den Inhalt des internen Schreibens komplett öffentlich zu machen:

Memmingen, 17.03.2020

Liebe Funktionäre und ehrenamtliche Helfer,

liebe Trainer, Spieler, Betreuer, medizinische und physiotherapeutische Unterstützer,

ich möchte mich heute in meiner Funktion als 1. Vorsitzender des FC Memmingen und in Abstimmung mit meinen Präsidiumskollegen, Thomas Reichart, Kai-Uwe Marten sowie Markus Kramer an euch wenden.

Die Corona-Krise hält nicht nur die ganze Welt in Atem und verändert unser aller Leben, sondern sie wirkt sich mit großer Tragweite auch auf den Spiel- und Geschäftsbetrieb des FC Memmingen aus. Es vergeht derzeit keine Stunde, in der sich nicht die Ereignisse weltweit überschlagen und durch immer neue Einschränkungen unser gewohntes Leben massiv beeinflusst wird. Unabhängig von allen weiteren Entwicklungen lässt sich aber zu diesem Zeitpunkt mit Sicherheit sagen, dass die Corona-Krise nicht in Tagen oder Wochen ausgestanden sein wird.

Deshalb ist derzeit mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit davon auszugehen, dass für die noch laufende Saison und vielleicht auch zum pünktlichen Beginn der kommenden Saison kein geregelter Trainings- und Spielbetrieb mehr durchgeführt werden kann. Unabhängig von derzeitigen FIFA-, UEFA-, DFB-, oder DFL-Erklärungen, die im Moment nur Wasserstandsmeldungen und/oder Verschiebungen von Wettbewerben und Geisterspielen vorsehen, versuchen wir die Dinge beim FC Memmingen mit gesundem Menschenverstand zu bewerten. Dabei sehen wir mit großer Gewissheit, dass es auf absehbare Zeit keinen Spielbetrieb der Regionalliga Bayern und auch keine Fortführung des bayerischen Landespokals mehr geben wird. Auch was die kommende Saison anbelangt, ist derzeit überhaupt nicht absehbar, wann ein geregelter Trainings- und Spielbetrieb wieder stattfinden kann.

Auch aus dem Verständnis heraus, dass sich Verantwortliche von Verbänden und Institutionen vor dem Hintergrund von Regress- und Haftungsfragen sehr zögerlich mit Entscheidungen verhalten müssen, bleibt es unsere Pflicht, uns vorausschauend mit dem größtmöglichen Schaden eines wie oben beschriebenen Szenarios zu beschäftigen. Dieses Szenario bedeutet bei uns bis zum 30.06.2020 ein Totalausfall aller weiteren Einnahmen aus Ticketing und Catering sowie Regressleistungen für noch 6 ausstehende von insgesamt 17 Heimspielen in der Regionalliga Bayern sowie bezüglich nicht erbrachter Leistungen gegenüber unseren Sponsoren und aus bereits erfolgten Saisonkartenverkäufen.

Nachdem heute niemand verbindlich sagen kann, wie und ab welchem Zeitpunkt sich ein geregelter Spielbetrieb für die Saison 2020/2021 durchführen lässt, sind auch keine Sponsoringeinnahmen ab dem 01.07.2020 für die kommende Saison planbar. Vor diesem Hintergrund mussten wir nun seitens des Präsidiums Entscheidungen fällen, denen als einziges Kriterium die Überlebensfähigkeit des FC Memmingen zugrunde lag. Auch wenn eine Entscheidung von Seiten des Bayerischen Fußballverbandes auf Wiederaufnahme des Spielbetriebes für diese Saison noch aussteht, haben wir als FCM-Verantwortliche bereits eine Entscheidung getroffen. Diese Entscheidung sieht vor, den bereits eingestellten Trainingsbetrieb für die laufende Saison nicht mehr aufzunehmen.

Diese Entscheidung betrifft alle Mannschaften des FC Memmingen von den Bambinis bis zur ersten Herrenmannschaft. Wie sich dann die jeweiligen Mannschaften nach einer Neuaufnahme des Spielbetriebes in Quantität und Qualität darstellen werden, ist aktuell nicht absehbar. Abstiege unserer Mannschaften aller Spiel- und Altersklassen durch eine vielleicht nicht mehr vorhandene Wettbewerbsfähigkeit oder zu geringe Kaderstärken müssen wir dabei mit Blick auf die anzustrebende Überlebensfähigkeit unseres Vereins in Kauf nehmen.

Wir können aus unserer Verantwortung heraus, unseren Kindern und Jugendlichen sowie Erwachsenen, aber auch deren Familien vor dem Hintergrund größtmöglicher gesundheitlicher Vorsorgemaßnahmen auf keinen Fall einen Trainingsbetrieb in den kommenden Wochen und Monaten zumuten. Den unabhängig von dieser Entscheidung anstehenden finanziellen Einbrüchen aus Einnahmen der Gastronomie, des Spielbetriebes und der vielleicht anfallenden Regressforderungen, geht es jetzt nur noch um das wirtschaftliche Überleben unseres FC Memmingen.

Wir sind uns alle einig darüber, dass nur bei einer maximalen Reduzierung der Ausgaben die wirtschaftliche Überlebensfähigkeit des FC Memmingen gewährleistet werden kann. Deshalb werden wir mit Wirkung Montag, 16. März 2020 alle veränderbaren Zahlungsverpflichtungen einstellen. Dazu zählen die Zahlungen aus dem Aufwandsersatzausgleich, die Lohnleistungen sowie die Zahlungen der Betreuer- und Ehrenamtspauschalen aus dem Trainings- und Spielbetrieb. Inwieweit wir auf Übernahme von Lohn- und Sozialleistungen der Arbeitsagenturen bzgl. voller Übernahme durch Kurzarbeit hoffen können, wird sich zeigen.

Dass uns aber grundsätzlich bei bestehenden Verträgen rechtlich die Hände gebunden sind, ist uns bewusst. Dennoch können wir vertragslose Ehrenamts- und Aufwandsleistungen nicht unter schriftliche Vertragsverhältnisse stellen. Deshalb setzen wir alles auf Solidarität und Sozialverhalten. Wir bitten um Verständnis dafür, dass wir auch nicht vor dem Hintergrund möglicher ethischer Maßstäbe über Teilauszahlungen oder Ähnliches verhandeln können. Für uns gab es hier nur die Möglichkeit einer Schwarz- oder Weiß-Entscheidung, über die wir keine moralischen Bewertungen stellen dürfen. Wir setzen darauf, dass alle Beteiligten unseren Verein am Leben halten wollen.

Im Zuge der verpflichtenden Lohnleistungen bei Vertragsspielern dürfen wir zudem keine schriftlichen Auflösungen von Arbeitsverhältnissen vornehmen. Deshalb sei an dieser Stelle nochmals erwähnt, dass der Verzicht auf finanzielle Lohnleistungen ausschließlich von Seiten des Arbeitnehmers erfolgen kann. Damit können wir nur eine Kollektivlösung anwenden, die uns in Einzelfällen nur solange von Lohnzahlungen entbindet, bis derjenige seinen Lohn einfordert. Wer sich deshalb nicht zu dieser solidarischen Anwendung bekennen kann, muss uns schriftlich mitteilen, dass er nicht auf die Fortführung der Lohnleistung verzichten wird.

Natürlich werden wir sobald wir von Verbandsseite sichere Aussagen bezüglich einer Fortführung des Spielbetriebs erhalten, sofort Gespräche über neue Lohn- und Aufwandsleistungen aufnehmen. Wann das aber sein wird, lässt sich im Moment von keiner Seite verbindlich sagen. Die Statuten des Bayerischen Fußballverbandes sind dagegen schon verbindlicher, die bei einem dreimaligen Nichtantreten den direkten Abstieg in die unterste Spielklasse zur Folge hätten.

Auch bezüglich des Zeitpunktes, ab wann Rückabwicklungen von Tickets für das Pokalspiel möglich sind, können wir noch keine Aussage treffen. Da sind wir auf Vorgaben des Verbandes angewiesen. Wir werden aber auf jeden Fall den Betrieb unserer Geschäftsstelle und Vereinsverwaltung aufrechterhalten. Sobald wir genaueres wissen, werden wir auch gesonderte Öffnungszeiten für mögliche Rückabwicklungen bekannt gegeben.

Sämtliche Informationen über aktuelle Veränderungen und Entwicklungen werden dann wie gewohnt über unsere Kommunikations- und Medienkanäle mitgeteilt.

Wir haben für den Versand dieses Schreibens ausschließlich Eure E-Mail-Adressen gewählt. Wir möchten euch in diesem Zusammenhang ausdrücklich bitten, dieses Schreiben nicht gleich über soziale Medien zu teilen. Wir wollen erst alle intern auf den gleichen Kenntnisstand bringen und erst danach mit unseren Entscheidungen an die Öffentlichkeit gehen.

Wenn wir alle unsere Kräfte bündeln und uns nicht entmutigen lassen, werden wir diese Herausforderung in der außergewöhnlichen Gemeinschaft unserer FCM-Familie bewältigen. Gerade unsere FCM-Jugendabteilung mit ihren rund 300 Kindern und Jugendlichen hat eine Zukunftsperspektive bei einem fortbestehenden FC Memmingen verdient.

Ich wünsche euch und euren Familien weiterhin alles Gute und bleibt mir bitte alle gesund.

Mit sportlichen Grüßen

Armin Buchmann (1. Vorsitzender)

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